Prolog

Die Geburtsstunde des Bahnradsports

Ein findiger Kopf hatte im späten 19. Jahrhundert die Idee, den Radsport, der bis dahin nur auf der Straße stattfand, einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Der Gedanke, dass dieser Mensch ein Vertreter der Fahrradindustrie war, scheint nicht abwegig, denn man suchte nach Formen, das Fortbewegungsmittel, welches einen ungeheuren Boom erlebte und enorme Gewinnspannen bot, attraktiv zu bewerben. 

Ein Fahrerfeld auf der Landstraße zog schnell vorbei, die im Oval einer Rennbahn ihre Runden drehenden Fahrer waren ein Blickfang, den die Zuschauer vom Startschuss bis zum Ende des Rennens verfolgen konnten. Dies war die Geburtsstunde des Bahnradsports und in kürzester Zeit zählte dieser neben Boxen und Pferderennen zu den beliebtesten Sportarten überhaupt.

Europaweit, wie auch in Nordamerika und Australien, wurden Radrennbahnen aus dem Boden gestampft. Man schuf imposante Bauten mit prächtigen Logen für betuchte Zuschauer und billigen Stehplätzen auf den Kurventribünen, aber auch einfachste Anlagen, bei denen die Geraden aus planierten Freiflächen bestanden und Aufschüttungen die Steilkurven ersetzten. Selbst in Gebäuden, die dafür eigentlich nicht geeignet waren, errichteten Zimmerleute teils abenteuerlich anmutende Bahnkonstruktionen.

Start zum Fliegerrennen auf der Radrennbahn in Essen

Start eines Fliegerrennens auf der Radrennbahn in Essen

Die schnellsten Menschen der Welt

Auf den folgenden Seiten wird die Rede sein von den "Fliegern" und der geneigte Leser sei daran erinnert, dass die Radsprinter schon Flieger genannt wurden, bevor sich der Mensch in den Himmel erhob. In einer Zeit ohne Autoverkehr im heutigen Sinn machte sie reine Muskelkraft zu den schnellsten Menschen der Welt. Die besten von ihnen wurden Berufsfahrer und hatten Verehrer in allen Gesellschaftsschichten.

Ihre Wettkämpfe wurden in der Presse sowie durch Plakataushang intensiv beworben und der Verkauf von Eintrittskarten begann bereits Wochen vor den Rennen. Angereiste Fahrer wurden von den Fans schon am Bahnhof empfangen, ihre Quartiere belagert und kleine Jungen waren stolz, wenn sie die Reisetaschen ihrer Idole zur Rennbahn tragen durften.

Fliegerrennen waren Großereignisse und wo die Radarenen den Platz boten, kamen mehr als 20.000 Zuschauer, darunter Damen in feinsten Kleidern und Herren im Maßanzug.

Wenn die Flieger ihre Rennmaschinen mit wuchtigen Tritten auf eine Geschwindigkeit jenseits der 60 Stundenkilometer beschleunigten, kannte die Begeisterung des Publikums keine Grenzen. Wenn der US-Amerikaner Major Taylor gegen Europas Sprinter der Extraklasse an den Start ging, war dies ein Ereignis, das die Sportnation bewegte.

Zeitungsannonce für ein Fliegerrennen

Der Fliegerrennsport 

...hat sich heute zu einer Art Kunst herausgebildet. Von den Feinheiten des heutigen Fliegersports, der Aufsparung der Kräfte für den entscheidenden Schlussspurt, dem Positionskampf, dem überraschend schnellen Antritt usw. hatten die ersten Jünger des Radrennens in Deutschland keine Ahnung.

Damals begannen diese Vorführungen gleich vom Start weg in energischem Tempo, das bis zum Ende beibehalten wurde. Wie der ganze Sport überhaupt, so kamen auch die Feinheiten der Fliegerwettkämpfe aus dem Ausland zu uns; namentlich von den Engländern, Belgiern und Niederländern lernten sie unsere Fahrer, die von da ab sich daran gewöhnten, Rennen nicht nur mit der Kraft der Beine, sondern auch mit dem Kopfe zu gewinnen.“

Illustrierte Zeitung 26. Juli 1906

Sechs Tage auf dem Rade

Ganz anders geartet als die Fliegerrennen, aber von gleichem Interesse beim Publikum, waren die Sechstagerennen, die in keiner Weise vergleichbar waren mit denen der Gegenwart. Es waren echte und harte Ausdauerprüfungen über sechs volle Tage und Nächte und sie fanden unter Bedingungen statt, die man heutzutage für unzumutbar erklären würde.

Austragungstermin war der Winter, in den ungeheizten Hallen war es oft kaum wärmer als draußen und die Fahrer brachten kleine Öfen mit, die sie nahe ihrer Kojen aufstellten, um während der kurzen Pausen nicht zu "erfrieren". Neben die Pritsche platzierten sie einen Sauerstoffapparat, der ihnen hin und wieder ein paar Züge reiner Luft ermöglichte. Tabakrauch lag in dichten Schwaden über der Rennbahn, reizte die Augen und erschwerte die Atmung erheblich.

Sowohl bei den Fliegern als auch bei den Sechstagefahrern zählten einige Akteure zur absoluten Spitze, in beiden Disziplinen zu glänzen war fast unmöglich. Dem Protagonisten dieser Seiten ist es gelungen, sich sowohl mit dem Titel des Fliegerweltmeisters zu schmücken als auch mit dem eines Champions der Sechstagerennen. Seine Geschichte ist die von Aufstieg und Erfolg, von Ansehen und Reichtum, aber es ist auch die von der Vergänglichkeit des Ruhmes und die der Armut. Es ist die Geschichte von Walter Rütt.

Pressefoto vom 5. Berliner Sechstagerennen

Pressefoto vom 5. Berliner Sechstagerennen


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