Biographie 7

Berlin-Blockade

Die schweren Bombenangriffe, die Berlin während des Krieges erlebte, hatten die Wohnung von Walter Rütt in der Stephanstrasse verschont, aber auch er litt unter den Umständen, die die Blockade der Stadt verursachten. Einmal mehr war es sein alter Freund Clemens Schürmann, den er im August 1948 um Hilfe bat.

Grußbotschaft von Walter Rütt


Walter Rütt und Clemens Schürmann führten über Jahrzehnte
einen regen Briefwechsel.

"Am Tag und in den Nächten brausen die vielen, vielen Flugzeuge über unsere Gegend auf dem Weg nach Tempelhof. Es ist eine Beruhigung, dass wir mit Lebensmitteln versorgt werden, doch es fehlt an Gemüse und Obst. Auch die Kartoffelzuteilung ist gestört, doch meine Schwester sendet schon seit Wochen Kartoffeln mit Luftpaketen.

Könnte ich es wagen, Sie zu bitten, uns ein Paket mit etwas Obst und Gemüse zu senden? Es wird bald eine Gelegenheit geben, ausgelegtes Geld zurück zu erstatten. Ich wäre Ihnen sehr dankbar. Vielleicht kann Ihr Schulfreund dazu helfen, solche Sachen auszusuchen, die nicht zu schnell verderben, da die Erfahrung lehrte, dass die Pakete zwischen 4 aber auch 14 Tagen unterwegs waren.

Wegen der Stromsperre bin auch ich ohne Arbeit und benutze die Freizeit, um Holz in den Ruinen zu suchen. Eine gefährliche und schmutzige Arbeit, weil das Holz verkohlt ist.

Ich habe noch eine Bitte. Haben sie etwa eine gebrauchte Kette 1/2 x 1/8 für mein Straßenrand? Hier verlangt man für eine neue Kette 30 Mark zahlbar in Westmark, das sind in Ostmark über 90 Mark. Meine Kette hat sich in ein müdes Gummiband so ausgezogen, dass sie dauernd aufschlägt. Wir sind doch noch sehr benachteiligt in Berlin, denn wie die Kette sind auch alle anderen Gegenstände aus dem Westen sündhaft teuer."

INFO

Das Trikot von Walter Rütt

Das vermutlich einzige noch existierende Trikot von Walter Rütt befindet sich heute im Besitz des Universitätsarchivs Stuttgart.

Es ist Bestandteil eines Nachlasses des Sammlers Hermann Sauter, der ein großer Verehrer des Weltmeisters war. Ob er das Trikot seinerzeit käuflich erwarb oder von Walter Rütt geschenkt bekam, ist nicht bekannt. Das Trikot weist an mehreren Stellen Risse auf, ein sicheres Indiz für intensiven Gebrauch und viele Stürze.

(Foto: Universitätsarchiv Stuttgart)

Hilferuf nach Frankfurt

Bei diversen Berliner Bahnrennen trat Walter Rütt als vermeintlicher Sponsor in Erscheinung, vermutlich war er aber auf Grund seiner schlechten finanziellen Situation wohl nur der Namengeber dieser Wettbewerbe.

In einem Brief an Clemens Schürmann, der sich zu jener Zeit in Frankfurt aufhielt, schrieb er im September 1951:

"Da Du nun täglich mit Adolf Schön zusammen bist, so bitte ich, mit ihm doch einmal zu sprechen ob ich nicht in irgendeiner Weise dort während des Sechstagerennens beschäftigt werden könnte, vielleicht in der Prämienkommission, wo doch auch eine gewisse Routine erforderlich ist, aber auch jeden anderen Posten bin ich bereit, zu übernehmen.

Walter Rütt 1957 Berlin Neukölln

Walter Rütt 1957 im Stadion Neukölln
Foto: Wolfgang Rupprecht

Mit meiner kleinen Rente ist es ein kümmerliches Dasein und sollte ich einmal in einem Sechstagerennen beschäftigt werden und mich bewähren, so besteht doch die Möglichkeit, dass andere Veranstalter mich auch hinzuziehen. Erinnere Schön daran, dass ich mit Stol das erste Frankfurter Sechstagerennen gewonnen habe und er soll doch einmal überlegen, ob er mich nicht beschäftigen kann, denn auch er kennt doch sicher meine schlechte Lage."

Post von der UCI

1953, kurz vor seinem 70. Geburtstag,  erhielt Walter Rütt eine Paketsendung aus Frankreich die als Absender den Weltradsportverband auswies. Hintergrund der Zustellung war dass  man bei der Weltmeisterschaft 1913 in Leipzig während der Siegerzeremonie vergessen hatte, ihm die Urkunde mit der  Bestätigung seines WM-Titels zu überreichen. Sie lag danach 40 Jahre in einem Schrank beim Sekretariat der UCI in Paris und erreichte erst jetzt ihren rechtmäßigen Besitzer. Ihr weiterer Verbleib ist ungeklärt.

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