Biographie 2

Der Weg zum Ruhm

Auf Anraten von August Lehr, dem Weltmeister des Jahres 1894, wurde Walter Rütt bereits mit 17 Jahren Profi und zählte zunächst im Rheinland, bald in ganz Deutschland, zu den beliebtesten Fahrern. Sein freundliches Auftreten, der couragierte Fahrstil und seine Fairness kamen beim Publikum an.

Er erwies sich als würdiger Nachfolger Willy Arends, dessen Stern langsam verlosch und zeigte keinen falschen Respekt, wenn er auf die internationale Extraklasse traf. Nach seinen ersten Siegen über Fahrer wie Thorvald Ellegaard, Henry Mayer und Frank Kramer erfolgte der endgültige Durchbruch und 1904, als er unter anderem Sieger im bedeutenden "Grand Prix de la République" wurde, galt er als der beste Flieger der Welt.

Am Start Ellegaard, Rütt, Schürmann, Moretti

Kein Tag verging, an dem sich nicht irgendwo in Europa die Radsprinter gegenüberstanden und erbittert um die Gunst des Publikums und hohe Preisgelder kämpften. Die Anreise der Teilnehmer zu den Rennen erfolgte ausschließlich über das Schienennetz der Eisenbahn. Welchen Aufwand die Profis dabei in Kauf nehmen mussten, verdeutlicht ein Rückblick im "Illus" vom 9. Juni 1929.

"Am Freitag, dem 3. Juni 1904, schlug Walter Rütt auf der Pariser Buffalo-Bahn den Franzosen Edmond Jacquelin in drei Läufen. Noch am gleichen Abend setzte er sich in den Eisenbahnzug, traf am Sonntagmorgen in Köln ein, fuhr gleich weiter, war abends in Hamburg und landete Sonntagmorgen, also nach ununterbrochener Eisenbahnfahrt von 36 Stunden, in Kopenhagen, wo er auf der Ordrupbahn ein Match gegen Thorvald Ellegaard zu bestreiten hatte. Der Däne, auf seiner Heimatbahn schier unbesiegbar und dazu noch vollkommen frisch, wurde vom ehrgeizigen Rütt glatt in zwei Läufen geschlagen."

Ausführliche Berichte über die Wettkämpfe las man in Deutschland in der "Rad-Welt", einem in hoher Auflage gedrucktem Magazin, das täglich erschien.

Von New York nach Berlin

In den USA erlebten unterdessen die Sechstagerennen einen ungeheuren Aufschwung. Die Idee, Mannschaften aus jeweils zwei Fahrern, welche sich beliebig ablösen durften, 144 Stunden lang auf einer kleinen Rennbahn fahren zu lassen, fand riesiges Interesse und füllte die Hallen.

Walter Rütt Statistik Sechstagerennen


Walter Rütts bedeutendste Erfolge bei Sechstagerennen

Der Amerikaner Floyd Mac Farland hatte die Fähigkeit Walter Rütts, auch über lange Distanzen hohes Tempo fahren zu können, erkannt und überredete ihn zur Teilnahme am New Yorker Sechstagerennen 1906. Die deutsch-amerikanische Mannschaft erreichte einen guten dritten Rang. Im Folgejahr gelang Walter Rütt an der Seite des Holländers John Stol der erste Sieg im Madison Square Garden und die Zeitungen in den USA überschlugen sich mit Lobeshymnen. 1909 fuhr das Paar Rütt-Clark die Ehrenrunde, 1912 gewann Joe Fogler an der Seite des Deutschen.

In Berlin, das 1909 sein erstes Sechstagerennen erlebte, zeigte man 1910 ein reges Interesse, Walter Rütt für einen Start zu verpflichten. Dieser lebte inzwischen in Frankreich, da er seiner Gestellungspflicht zum Wehrdienst nicht nachgekommen war und aus Angst vor einer Verhaftung nicht wagte, die deutschen Landesgrenzen zu passieren. Auf diplomatischen Wegen wurde eine Begnadigung Rütts erreicht und unter ungeheurem Jubel wurde er in Berlin empfangen. An der Seite von Jack Clark gewan er nicht nur die Austragung 1910, sondern mit John Stol auch die nächsten drei Rennen an der Spree. 1911 siegte das Paar ausserdem in Frankfurt. Jahre später bezeichnete Walter Rütt seinen ersten Berliner Sechstagesieg als denjenigen, der ihn gefühlsmäßig am meisten berührt habe.


John Stol und Walter Rütt USA 1907


Walter Rütt und John Stol auf der Radrennbahn von Newark
beim Training für das New Yorker Sechstagerennen 1907

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